HOWAGOAS

11.10.2026

Die Howagoas – eine Figur der alpinen Mythologie und des Brauchtums


Eine ganz besonders trickreiche Figur, die sich über die Zeiten hinweg in den österreichischen und bayrischen Alpen erhalten hat, ist die Howagoas. Im Perchtenbrauchtum ist sie ein fixer Bestandteil und heute auch manchmal bei Krampusumzügen zu sehen.

Die Howagoas ist eine Art Grenzgängerin. Daher trägt sie in manchen Regionen auch Gamskrucken. Gämsen sind klassische Grenzgänger: Sie bewegen sich an unsagbar steilen Hängen hoch oben in den Bergen. Die Berge wiederum gelten in schamanischen Vorstellungen als Verbindungspunkte zwischen den Welten. Die Gams ist der Bergmutter geweiht.

Die Howagoas ist eine Figur, die Dogmen und festgefahrene Strukturen auflockert. Sie bringt Spaß, Trick und Schabernack in das sonst so ernste Perchtengeschehen. Mit ihr kommt die Verspieltheit ins Brauchtum. Daher kann sie, ähnlich wie der Hans Wurscht der Pinzgauer Tresterer, auch als Faschingsfigur gesehen werden.

Die Howagoas erinnert uns an Wildheit und Einfachheit. Sie besitzt eine tricksterhafte Qualität, auch wenn sie kein Trickster im klassischen Sinn ist.

Die Howagoas ist gewissermaßen das schwarze Schaf, das nicht zum Rest passt und dennoch seine wichtige Rolle und Aufgabe hat – und diese einfach erfüllt. In modernen gut-böse Interpretationen, die ohne animistischen Hintergrund auskommen, wird die Howagoas gerne als Dämon oder dämonische Schreckgestalt beschrieben. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch schnell klar, dass es sich vielmehr um eine Schabernackfigur handelt: eine Figur, die festgefahrene Strukturen aufbricht, uns dabei hilft, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und unseren Blick zu erweitern, sodass wir über den Tellerrand hinausblicken können. Die Ziege selber ist eigenwillig.

Dieser Spirit erweitert also unseren Horizont auf spielerische Art und Weise.

Ebenso erinnert uns die Howagoas daran, uns selbst nicht zu ernst zu nehmen und auch einmal über uns selbst zu lachen. Sie steht für Lebensfreude und dafür, die Dinge auch einmal einfach so zu nehmen, wie sie kommen, ohne sie sofort zu bewerten oder frustriert zu sein, wenn etwas nicht so eingetreten ist, wie wir es uns vorgestellt haben. Letztendlich führt sie uns damit zurück in ein Urvertrauen.

Die Howagoas im Brauchtum

Im Brauchtum erscheint die Howagoas für gewöhnlich als riesige Ziege. Unter dem Kostüm befinden sich zwei Menschen: Einer bildet den hinteren Teil, also die Hinterbeine, während der andere vorne die Vorderbeine und den Kopf übernimmt.

Man weiß nie, wann sie plötzlich und unerwartet mit dem Hinterteil ausschert oder versucht, mit ihrem Maul zuzubeißen. Die Howagoas wird an einer Leine geführt. Oft übernimmt ein Hirte diese Aufgabe, der selbst als eine Art Waldmann oder Wilder Mann erscheint.

Dieser Archetyp lässt sich in einer möglichen mythologischer Deutung auf den keltischen Allvater, den Kessel- und Keulengott Dagda, zurückführen. Im Zuge kirchlicher Verzerrungskampagnen wurde diese Gestalt zum Todamandl, zum Tattermann, herabgewürdigt. Todamandl bedeutet so viel wie ein alter, gebrechlicher Greis. Es wurde also versucht, aus dem Allvater einen alten Greis zu machen.

Nichtsdestotrotz lässt sich diese Verzerrung ziemlich leicht entwirren, und am Ende finden wir immer wieder die ursprünglichen Kräfte hinter der Verformung.

Es ergibt also durchaus Sinn, dass die Howagoas von einem Waldmann geführt wird. Metaphorisch betrachtet ist es der Allvater selbst, der sie an der Leine hält. Und ja: Der Grenzgänger, das schwarze Schaf, die weiße Gams, die Howagoas und der Trickster sind tatsächlich Verkörperungen des Humors des großen Geistes. Ja, der große Geist hat einen großartigen manchmal makabren Humor, wie jeder sicherlich selber im eigenen Leben schon öfters beobachten konnte.

Strukturen, die von Menschen geschaffen wurden, werden durch den großen Geist immer wieder aufgebrochen und verändert. Denn die einzige Konstante ist der Wandel.

Die Howagoas und die schamanische Arbeit

Wenn man in der schamanischen Arbeit mit dem Spirit der Howagoas arbeitet, eröffnet sich der Zugang zu vielen unterschiedlichen Schichten.

Auch die schamanische Arbeit und das schamanische Weltbild sind etwas sehr Dynamisches. Es ist gerade diese Fähigkeit zur Veränderung, durch die sich schamanische Traditionen seit der Altsteinzeit erhalten konnten. Obwohl es einen Rahmen gibt, bleibt das ganze flexibel, kreativ und anpassungsfähig. So etwas wie ein strukturiertes Chaos.

Diese dynamische Veränderung ist auch für unser individuelles Leben wichtig. Die Howagoas erinnert uns daran, über den Tellerrand hinauszuschauen, uns mit unserer ureigenen Wildheit und Einfachheit zu verbinden und das Leben zu genießen.

Sie erinnert uns daran, im Moment zu leben, nicht alles kontrollieren oder bewerten zu müssen und dem Leben mit einer gewissen Leichtigkeit zu begegnen.

Vielleicht liegt genau darin ihre tiefere Aufgabe: uns daran zu erinnern, dass wir nicht immer alles ernst nehmen müssen, dass Veränderung zum Leben gehört und dass sich hinter dem vermeintlichen Chaos manchmal eine Weisheit verbirgt, die wir mit dem Verstand allein nicht erfassen können, dass es auch so etwas wie einen größeren Plan gibt und wir darauf vertrauen können.


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