
Schamanentum als Weltanschauung
Nein, hier geht es nicht um wirtschaftliches Wachstum, darum, immer mehr Geschäfte zu machen, immer mehr Anhänger zu gewinnen oder Menschen in eine Ideologie zu zwingen. Nein.
Ein animistisches Weltbild beginnt vor allem damit genug zu haben, genug zu sein.
Es ist die Gewissheit, in das große Ganze eingebunden zu sein und nicht die Vorstellung, über der Natur zu stehen. Es ist ein Miteinander, eine gemeinschaftsorientierte Weltanschauung, eine Gemeinschaft, die nicht an den Grenzen des Menschlichen endet, sondern auch die Natur mit einschließt.
Denn in einem animistischen Weltbild ist die Natur beseelt.
Jeder Berg, jeder See, jeder Baum, jede Pflanze und jedes noch so kleine Tier hat einen eigenen Spirit, eine eigene Seele. Mit diesen Wesen sind wir geistig und seelisch im Netz des Lebens verbunden. Wir stehen mit ihnen in ständigem Austausch. So erfahren wir uns nicht als getrennt von der Welt, sondern als Teil des großen Ganzen.
Durch diese direkte Verbindung zur beseelten Natur sind wir zugleich an die Quellen der natürlichen Kraft angebunden, an die vitale Lebenskraft, die durch und in uns fließt.
Gerät dieser Fluss ins Stocken, geraten auch wir aus dem Gleichgewicht. Krankheit kann entstehen.
Im schamanischen Weltbild ist deshalb ein freier Fluss der Lebenskraft eine wesentliche Grundlage von Gesundheit. Was in uns geschieht, wirkt nach außen. Ist die Lebenskraft in uns im Fluss, kann dies auch unsere äußeren Lebensumstände beeinflussen und günstige Fügungen hervorbringen, also das was wir als Glück bezeichnen.

Glück ist also nicht einfach Zufall.
Obwohl es durchaus als Zu-Fall verstanden werden kann: etwas, das uns zufällt. Zugefallen durch die Spirits, den Spirit, Gott oder den Großen Geist. Die Begrifflichkeit ist letztlich nebensächlich. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass wir nicht isoliert existieren, sondern eingebunden sind in ein größeres lebendiges Ganzes.
Selbst denken, selbst entscheiden, selbst handeln
Schamanentum als Weltsicht bringt uns zurück zu unserer eigenen Entscheidungsfähigkeit, zu der Fähigkeit, selbst zu denken, selbst zu gestalten und selbst zu handeln, ohne ständig auf andere sogenannte Autoritäten angewiesen zu sein.
Heute gilt das vielleicht mehr denn je. Denn neben politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Autoritäten tritt zunehmend auch die künstliche Intelligenz. Sie kann in gewissen Bereichen unterstützen, darf uns jedoch auf keinen Fall das eigene Denken abnehmen.
Wir sollten nicht vergessen, dass wir selbst schöpferische Wesen sind.
Selber denken. Selber entscheiden. Selber erfahren. Selber handeln.
Das ist wesentlich, wenn wir unsere Menschlichkeit bewahren wollen.
Eine uralte Weltanschauung
Schamanentum gehört zu den ältesten Formen menschlicher Weltanschauung, die bis heute überlebt haben. Elemente davon finden sich in den Mythen, Bräuchen und Überlieferungen unzähliger Kulturen rund um die Welt und auch in den alten Überlieferungen der Alpen. Es gibt auch heute noch lebendige schamanische Kulturen und Gesellschaften.
Nicht jeder kann ein Schamane werden. Doch das animistische und schamanische Weltbild berührt etwas, das uns Menschen zutiefst eigen ist und tief in der menschlichen Seele verwurzelt ist.
Man muss sich nur vor Augen führen, wie lange der Mensch in unmittelbarer Beziehung zur Natur gelebt hat. Über Hunderttausende von Jahren. Über unzählige Generationen lebten Menschen mit der Natur, von der Natur und durch die Natur. Sie standen mit ihrer Umwelt in einer unmittelbaren Beziehung und vermittelten zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.
Dass es erst seit wenigen Jahrhunderten eine industrielle Gesellschaft in ihrer heutigen Form gibt, verändert die Tatsache nicht dass
Jeder Mensch auch heute noch Teil der Natur ist. Ja, wir sind selbst Natur.
Wir können uns gedanklich von ihr trennen. Wir können versuchen, sie zu beherrschen oder uns über sie zu stellen. Doch wir bleiben von ihr abhängig. Sie gibt uns Nahrung, Wasser, Luft und Leben. Sie trägt und nährt uns bis heute.
Die Vorstellung von der Natur als große Mutter ist daher weit mehr als ein romantisches Bild aus vergangenen Zeiten. Sie kann uns daran erinnern, woher wir kommen und worin wir immer noch eingebunden sind. Die Erinnerung daran ist heute sehr wichtig, wohl auch in Bezug auf Rückschläge welche durch die Mutter die Menschen und Gesellschaften treffen, welche den Respekt vor ihr vollkommen verloren haben.
Schamanentum in den Alpen
Auf der Hoagascht-Seite werden wir uns regelmäßig mit dem Schamanentum beschäftigen, auch und insbesondere mit seiner alpinen Ausprägung.
Wir wollen uns mit den erhalten gebliebenen Fragmenten schamanischer und animistischer Vorstellungen in den Alpen auseinandersetzen. Mit Mythen, Bräuchen, Geschichten und Überlieferungen, in denen sich noch Spuren dieses alten Weltbildes erhalten haben.



Dabei geht es uns nicht darum, aus diesen Fragmenten eine neue Ideologie zu bauen oder sie romantisch zu verklären.
Es geht um Entwirrung und Aufarbeitung und darum die Dinge wieder zugänglich zu machen. Es geht darum, genauer hinzusehen, Zusammenhänge zu erkennen und die alten Überlieferungen aus ihrem historischen und kulturellen Zusammenhang heraus zu verstehen.
